Herford, 12. Dezember 2019

Sinn hat Zweifel an der Energiewende

, Neue Westfälische

Das Unternehmergespräch wurde in Löhne veranstaltet. Studenten werden dort für ihre Arbeit ausgezeichnet. Es geht auch um die Veränderung von Start Ups.

Herford. Für Hans-Werner Sinn war sein Auftritt beim 21. Erich-Gutenberg-Forum am Montagabend in doppelter Hinsicht ein Heimspiel. Der frühere Präsident des renommierten Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung und mehrfach ausgezeichnete Wirtschaftsprofessor stammt aus dem benachbarten Bielefeld-Brake. Er traf im Forum des Museums Marta in den rund 100 Gästen der Erich-Gutenberg-Gesellschaft auf ein Publikum, das seine Sprache versteht und womöglich seine Sorgen um die deutsche Wirtschaft teilt.

Der Titel seines Vortrags „Möglichkeiten und Grenzender deutschen Energiewende“ war noch freundlich formuliert, denn tatsächlich bezweifelter den Nutzen für den erhitzten Planeten. „Wir helfen nur den amerikanischen SUV Fahrern, billiger an Sprit zukommen“, lautet eine seiner provokanten Thesen. „Das Thema Energie ist so aktuell wie nie zuvor und sehr emotionalisiert“, sagte der Vorsitzende der Gutenberg-Gesellschaft und Top-Manager des Stromkonzerns EWE, Michael Heidkamp, in seiner Einführung. Er bezweifelte, dass die von der Bundesregierung gesteckten Ziele der E-Mobilität bis 2030 erreicht werden können: „Wer soll die vielen Ladesäulen bauen?“ Die Effizienz der Treibstoff-Alternative Wasserstoffliege bei nur 30 Prozent. Seine eigenen Kinder seien auch bei „Fridays for Future“ mitgelaufen. Aber als sich Greta Thunberg für Kernkraft ausgesprochen habe, seien Zweifelentstanden. Insgesamt sei in der Bewegung zu wenig Sachverstand vorhanden, aber der Impuls der jungen Leute sei richtig. Hans-Werner Sinn habeschon zu vielen Themen unpopuläre Meinungen vertreten. „Das hat sich nicht verändert“, sagte Heidkamp.

Der emeritierte Professor Sinn ist kein Klimaleugner. „Wir haben ein Klimaproblem. Dass die Erde wärmer wird, merkt jeder und es gibt den direkten Beweis, dass Kohlendioxid zur Erderwärmung beiträgt“, stellte er fest. Er zeigte mit Grafiken, dass der Nordpolschmilzt. „Der Meeresspiegelsteigt aber erst dann, wenn auch das Grönlandeisschmilzt“, erklärte Sinn. Dann werde es gewaltige Migrationsströme geben. Das gehe aber über Jahrhunderte oder Jahrzehnte, daher habe er gegenüber Dramatisierungen Vorbehalte. Deutschland habe anders als etwa die Schweiz und Österreich ein besonderes Rezessionsproblemmit Einbrüchen im verarbeitenden Gewerbe. Eine Ursache sieht er im Doppelausstiegaus Atomkraft und Kohle, die derzeit 47,4 Prozent des Stroms lieferten. Wind und Solarenergie trügen mit24,8 Prozent dazu bei. „Das wird komisch“, sagte er. Die deutschen Strompreise seien an der Spitze in Europa und im Vergleich mit anderen hochentwickelten Ländern sogar weltweit. Die Folge sei: Energie intensive Betriebe ziehen weg aus Deutschland. Das Einspeisegesetz sei nur ein Investitionsprogramm für die Solar- und Windkrafthersteller, die aber inzwischen chinesisch seien.

Ein Problem mit Wind- und Solarkraft sei die ausgeprägte Schwankung in der Verfügbarkeit sowohl im Tagesverlauf als auch saisonal. Sie müsse durch konventionelle Kraftwerke für viel Geld ausgeglichen werden, sagte Sinn. Speicherlösungen etwa in Form von Wasserspeichern oder gigantischen Lithium-Ionen-Akkus seien utopisch. „Man kann sich nur wundern, welch ein Unsinn zusammen geträumt wird in diesem Bereich“, sagte Sinn. Werde an bestimmten Tagen mehr grüner Strom hergestellt, als gebraucht wird, müsse Deutschland manchmal sogar dafür bezahlen, ihn exportieren zu können.

Eine andere Schnapsidee seien Elektro-Autos. Die seien dort, wo sie fahren, scheinbar sauber, doch: „Der Auspuff ist nur woanders.“ Der Vergleich etwa eines E-Golf mit einem Diesel-Golf einschließlich seiner Herstellung zeige, dass die Kohlendioxid-Bilanz beim deutschen Strom-Mix erst nach 219.000 Kilometern gleich sei. Bis dahin liege der Diesel vorn. Hybrid-Autos schnitten über lange Sicht schlechter ab als Diesel. Besser als alles andere seien Erdgas-Fahrzeuge. „Wenn wir wirklich etwas fürs Klima tun wollen, müssen wir Benziner auf Erdgas umbauen“, meint Sinn. Er sieht mit Sorge die Probleme für die Autoindustrie. „Ein weiteres Problem ist: Was wir nicht an fossiler Energieverbrennen, verbrennen andere“, sagte Sinn. Denn es gebe ein „Grünes Paradoxon“. Aus Sorge, sie würdenihre Kohle und ihr Öl in einer grünen Zukunft nicht mehrverkaufen können, steigerten die Förderländer schon jetztihre Produktion. Das führe trotz endlicher Vorräte zu fallenden Preisen. Die niedrigen Preise führten zu einem höheren Verbrauch und Kohlendioxid-Ausstoß in weniger ökologisch eingestellten Ländern. Welche Alternativen sieht der Wirtschaftswissenschaftler? Sinn spricht sich dafür aus, in Deutschland neue, sichere Atomkraftwerk zu bauen, insbesondere in Kernfusionstechnik. Die unterirdische Einlagerung von Kohlendioxid sei möglich und sinnvoll, doch die Kapazität endlich. Auch Aufforstung helfe, Kohlendioxidaus der Luft zu holen. Eine Quellensteuer auf die Kapitalerträge der Eigentümer der Vorräte fossiler Brennstoffe könnte zu einem Rückgang der Förderung führen. Emissionshandel könne dann helfen, wenn es gelinge, ihn durchwirtschaftliche Anreize weltweit und lückenlos zu erzwingen. Traditionell vergibt die Erich-Gutenberg-Gesellschaft zum Beginn ihres Forums Stipendien an wirtschaftswissenschaftlichen Nachwuchs. In diesem Jahr zeichneten der Vorsitzende Michael Heidkamp und die Ehrenvorsitzende Ursula Brinkmann Iris Voß, Philipp Hege und Florian Nolte aus Bielefeld aus. Iris Voß referierte darüber hinaus über ihre guten Erfahrungen mit einem Studienaufenthalt in Kopenhagen mit Hilfe des europäischen Erasmus-Programms.



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