Herford, 15. Juli 2020

Aktives Lernen wird verlernt

, Westfalen Blatt

Vortrag über »digitale Demenz«

Kreis Herford (HK). Während draußen das Wetter für einen nasskalten Novemberabend sorgte, trafen sich drinnen in der Marta-Lobby Vertreter aus Wirtschaft, Lehre und Forschung. Anlass war eine Veranstaltung der Erich-Gutenberg-Gesellschaft. Einmal im Jahr lädt die Gesellschaft zum Erich-Gutenberg-Forum ein, um mit Mitgliedern und Gästen einen geselligen Abend zu begehen. Den Höhepunkt der diesjährigen Veranstaltung bildete der Vortrag von Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, der sich mit digitalen Medien, ihrer Verwendung und den daraus resultierenden »Risiken und Nebenwirkungen« beschäftigt. Zuvor wurden jedoch erst einmal die Stipendiaten, die für ein Semester mit Hilfe von Sponsoren unterstützt werden, vorgestellt. Stellvertretend für die vier ausgezeichneten Stipendiaten hielt Karoline Bobel einen Kurzvortrag mit dem Titel »Warum OWL? Meine Entscheidung für den Studien- und Wirtschafsstandort OWL«. Kleine Lerngruppen und eine hervorragende Vernetzung mit den heimischen Unternehmen hätten sie veranlasst, nach Bielefeld zu kommen, sagte die Stipendiatin. Besonders erstaunt habe sie bisher auch die gute Vernetzung der Unternehmen untereinander. Sie könne sich - im Gegensatz zu ihrer Zeit vor dem Studium -vorstellen, Teil dieser mittelständigen Familienunternehmen zu werden. 230 Zuhörer, viele aus der Wirtschaft, werden es gerne gehört haben. Auf viel Interesse stieß auch der Hauptredner Manfred Spitzer, Mediziner, Philosoph und Professor der Psychiatrie. Sein Vortrag hieß »Digitale Demenz«. 2004 gründete er das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen, das an der Schnittstelle von Neurobiologie, Psychologie und Psychiatrie Grundlagenforschung im Bildungsbereich betreibt. Der Fokus seiner Forschung liegt auf dem Zusammenhang zwischen dem Konsum digitaler Medien und dem Lernverhalten junger Menschen. »Digitale Demenz« bedeute für ihn einen geistigen Abstieg, der durch die oberflächliche Beschäftigung mit Informationen dazu führe, dass Kinder und Jugendliche das aktive Lernen verlernten. Eine Entwicklung, die er sehr skeptisch sehe, deren Auswirkungen heute noch gar nicht abzusehen seien. Der Gehirnforscher fürchtet, dass die falsch verstandene Medienkompetenz der Gesellschaft mehr schadet als nützt. Nicht nur, dass es keinen wirksamen Zusammenhang zwischen digitaler Informationsbeschaffung und erfolgreichem Lernen gebe - nein, vielmehr verhindere das Benutzen des Computers den Lernerfolg. Nur wer in der Kindheit das Lernen erlernt habe, werde sich auch später Wissen aneignen können und wollen.



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