Herford, 18. Dezember 2017

Was Migration auch bedeutet

, Neue Westfälische

Untemehmergespräc:h: Cord Budde von Weinrich-Schokolade aus Herford und Hans-Uirich Sorgenfrei vom Bünder Lukas-Krankenhaus erzählen vor der Erich-Gutenberg-Gesellschaft von ihren Erfahrungen

Herford. Wer im Internet das Suchwort „Migration" eingibt, wird sich womöglich wundern. Marc Euscher jedenfalls hat sich gewundert. „Die Wanderung bestimmter Tierarten, beispielsweise Zugvögel“ war als erste Erklärung angegeben. Erst an zweiter Stelle kam die „Aus- und Einwanderung von Menschen“, so der Geschäftsführer von Archimedes an der Engerstraße. In den Räumen des Unternehmens ging es am Montagabend um letzteres.

Dorthin eingeladen hatte die Erich-Gutenberg-Gesellschaft (EGG) zum Unternehmergespräch. „Migration- die ökonomische und kulturelle Herausforderung“ ist das Leitthema der Gesellschaft in diesem Jahr. Cord Budde, Geschäftsführer des Schokoladen-Herstellers Weinrich, und Hans-Ulrich Sorgenfrei, Vorstand des Lukas-Krankenhauses in Bünde, beleuchteten es aus ihrer Sicht. Dabei ging es auch um das Thema Fachkräfte.

Budde ist Chief von 100.000 ghanaischen Kakao-Bauern

Wenn er Fachkräfte brauche, dann bilde er sie aus, sagte Budde. Zurzeit seien es 30 Auszubildende in sieben Berufen. Insgesamt 320 Mitarbeiter aus 26 Nationen habe sein Unternehmen, 40 Prozent der Beschäftigten hätten einen Migrationshintergrund. Für Budde, den Chief von knapp 100.000 ghanaischen Kakao-Bauern, ist das kein Problem, weil es in seinem Unternehmen klare Regeln gibt. Dazu gehört, dass während der Arbeitszeit keiner seine Religion ausübt.

Die meisten sprächen mit der Zeit deutsch, am schlechtesten diejenigen, die schon vor 30 Jahren gekommen seien, sagt Budde. Denn um die habe sich niemand gekümmert, sie also auch nicht zu Sprachkursen verpflichtet. Und die schlechten Sprachkenntnisse hätten sie auch noch an ihre Kinder weitergegeben.

Das wichtigste für Budde ist, dass Einwanderer arbeiten: Ohne Arbeit keine Integration. Zudem sollten seiner Ansicht nach schnellstmöglich diejenigen ausgewiesen werden, die sich nur ein schönes Leben machen wollten. „Denn die gibt es auch“. Weinrich ist tarifgebunden. Bei Budde gilt: gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Hinzu komme ein Umgang miteinander auf Augenhöhe. Aber wer Probleme habe, sich von einer Frau „Befehle erteilen“ zu lassen, der könne gleich wieder gehen. „Das ist mehrmals vorgekommen.“

Der Chef fordert von seinen Angestellten Leistung. Wer einen Arbeitsplatz bei ihm habe, bleibe aber für den Rest seines Lebens. Im Unternehmen feierten sie auch mal zusammen, sagte Budde. Und wenn dann die Muslime Bier trinken und Budde sagt, das dürften sie doch gar nicht, dann bekomme er zur Antwort: „Chef, Allah macht Urlaub.“

Mediziner aus Ländern, die selbst Ärzte brauchen

Das Lukas-Krankenhaus hat 312 Betten, 700 Mitarbeiter und eine steigende Anzahl von Migranten unter den Ärzten, sagte Hans-Ulrich Sorgenfrei. Die brauchten aber ein Netzwerk. Italiener und Spanier waren bislang sonst immer „nach einem Jahrwieder weg“.

Dabei gibt sich das Krankenhaus viel Mühe mit der Einarbeitung. Das ist auch nötig. Denn die Bezirksregierung überprüft nur die Zeugnisse, aber nicht die fachliche Befähigung. Und die Ärztekammer kümmert sich nur um die Fachsprache. Nach Auffassung Sorgenfreis ist diese Oberprüfung von Ärzten absolut mangelhaft. Letztlich gehe es ja um Menschenleben.

Sorgenfrei erklärte, wie sein Haus sicherstellt, dass nichts passiert: Es verlangt von den Ärzten unter anderem, dass sie sich auf das komplizierte deutsche Krankensystem einlassen und seine Strukturen akzeptieren, kritikfähig sind, Vorgaben einhalten und die deutsche Frauenrolle akzeptieren. Im Gegenzug hilft das Krankenhaus bei der Suche nach einer Unterkunft, bei Behördengängen, dem Spracherwerb und fachlich-praktischen Schulungen. Die Einarbeitungsphase könne sechs Monate bis drei Jahre dauern, sagt Sorgenfrei. Ein Problem seien in dieser Phase die Schichten, in denen die Ärzte auf sich gestellt sind: Ab 17 Uhr dürften nur Mediziner arbeiten, die „dienstfähig“ seien. Das sei für diejenigen hart, die bei gleichem Gehalt die Nachtschichten übernehmen müssten. Sorgenfrei hatte eine Reihe von Beispielen, auch aus dem Bereich der Pflege, in denen die Personalintegration geklappt hat - oder eben auch nicht. Ein Grund für den Ärztemangel ist nach Einschätzung Sorgenfreis der massive Abbau von Medizinstudienplätzen - um rund 1.000. Seiner Ansicht nach ist das politisch gewollt: Die Mediziner-Ausbildung koste, geschätzt, eine Million Euro. Ausländische Ärzte seien da billiger. Sorgenfrei fragte aber auch, ob es eigentlich moralisch vertretbar sei, Ärzte aus Ländern zu holen, in denen sie dringend gebraucht würden.



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