Herford, 20. Oktober 2017

Deutschland braucht Zuwanderung

, Neue Westfälische

Bürgermeister Tim Kähler eröffnet auf der Mitgliederversammlung das Themenjahr "Migration - die ökonomische und kulturelle Herausforderung"

Herford. Der Vorsitzende der Erich-Gutenberg-Gesellschaft, Michael Heidkamp, blickte in der Mitgliederversammlung zufrieden zurück auf das vergangene Jahr, in dem man sich mehrfach mit dem Thema Europa beschäftigt hatte. Leitthema 2017 sind die wirtschaftliche und kulturelle Herausforderung durch Migration. So will man im Mai ein Unternehmergespräch führen in einem Betrieb, das seinen Personalbedarf durch Zuwanderung deckt. Gastredner Tim Kähler brachte seinen Vortrag so auf den Punkt: „Ohne Zuwanderung steht unsere Zukunft auf dem Spiel“. Dabei bildete die Flüchtlingsthematik nur einen Aspekt. So schilderte er die Probleme mit dem Randalierer, der Verwaltungsmitarbeiter verprügelt und bedroht hatte. Die Abschiebung misslang, weil sich die Herkunft aus Nigeria nicht nachweisen ließ: „Jetzt lässt er über seinen Anwalt fragen, wann das Hausverbot aufgehoben wird.“

Kähler umriss mit Daten das Ausmaß aktueller Flüchtlingsbewegungen in Richtung Europa. Was bedeutet das für Herford? Kählers Antworten: „Es werden neue Bürger zu integrieren sein. Die Stadt wächst und wird schneller wachsen als geplant. Wir brauchen Wohnraum, Bildungsangebote, Arbeitsplätze und Möglichkeiten der sozialen Integration (Kultur, Sport und Freizeit). Wir müssen es schaffen, die neuen Mitbürger von Beginn an zu fördern, um aus einem quantitativen Wachstum ein qualitatives zu machen."

In Herford mit seinen 67.000 Einwohnern leben Menschen mit mehr als 100 Nationalitäten. Kähler: „Für uns ist Migration nichts Neues." Der Nettozuzug der jüngeren Vergangenheit speise sich in erster Linie aus dem EU-Ausland. Selbst im Flüchtlingsjahr 2015 waren 45 Prozent der Zugewanderten EU-Bürger - insbesondere aus Rumänien.

„Wir hätten ein Riesenproblem ohne Zuwanderer“, sagt Kähler. „Wer sollte in unserer überalterten Gesellschaft die Pflege übernehmen, wer Taxi fahren?“ Ein großer Teil der Restaurants werde von Zuwanderern betrieben. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist seit 2010 um fast 3,2 Millionen Personen gestiegen, 40 Prozent davon Ausländer. Kähler gab angesichts dessen eine Schätzung wieder, nach der das jährliche Wachstum des Bruttoinlandsproduktes ohne Nettozuwanderung um ein Fünftel geringer ausgefallen wäre. Auch das Rentensystem sei ohne zugewanderte Arbeitskräfte nicht aufrecht zu erhalten.

Herford sei gut beraten, auf Sprachförderung zu setzen. Die Philosophie müsse heißen: „Ihr seid willkommen, ihr seid akzeptiert in eurer Andersartigkeit im Rahmen des Grundgesetzes, wir investieren in die Menschen.“ Ein Dorn im Auge ist dem Bürgermeister, dass geduldete Flüchtlinge nicht arbeiten dürfen.

 Kähler forderte eine qualifizierte Zuwanderungssteuerung, einheitliche EU-Regeln und eine Förderung von Wachstum und Stabilität in den Herkunftsländern von Flüchtlingen.

Dem Einwand aus dem Publikum, die Digitalisierung der Arbeitswelt werde zu einem Arbeitsplatzabbau führen, begegnete Kahler mit der Feststellung: „Derzeit erleben wir in Herford im produzierenden Bereich einen massiven Arbeitsplatzaufbau.“



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